9. Tag (2015)

Fremden Heimat geben

 

Schrifttext (Lev 19,33-34)

Der Herr sprach zu Mose: Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.


Impuls

Fremden Heimat geben, Flüchtlinge aufnehmen … Wohl kaum ein Thema erhitzt derzeit die Gemüter so sehr wie dieses. Da gehen Menschen auf die Straße, um gegen die weitere Aufnahme von Flüchtlingen zu protestieren, da angeblich das „Boot voll ist“, und andere demonstrieren gegen Fremdenfeindlichkeit. Politiker versuchen, fein säuberlich zu unterscheiden zwischen Asylbewerbern und Arbeitsmigranten, Wirtschafts- und Kriegsflüchtlingen und streiten über gesetzliche Regelungen für die unterschiedlichen Gruppen.
„Fremden Heimat geben“ war schon im Alten Testament ein Thema, das Menschen bewegte und herausforderte. Im Buch Exodus wird Respekt vor dem Fremden und Rechtsschutz gefordert, um ihn vor Unterdrückung und Ausbeutung zu schützen. Wir lesen dort: „Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen.“ Ex 23,9; vgl. Ex 22,20 Diese Begründung kann die Frage an uns aufwerfen: Wissen wir aus eigener Erfahrung, was Fremdsein bedeutet? Urteilen und verurteilen wir nicht oft leichtfertig und unüberlegt?

Im Buch Levitikus wird die Aufforderung, Fremde zu achten, noch dadurch gesteigert, dass  erwartet wird, den Fremden zu lieben wie sich selbst. Vgl. Lev 19,33-34 Offenkundig wird dies als göttliches Gebot verstanden.

Im Neuen Testament spricht auch Jesus vom Verhalten dem Fremden gegenüber. Er selbst identifiziert sich mit ihm, wenn es in der Rede vom Weltgericht heißt: „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen … Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen.“ Mt 25,35.43 Auf die Frage: „Wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen bzw. nicht aufgenommen“ Mt 25,38 bzw. 44 gibt er die Antwort: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, bzw. nicht getan habt, das habt ihr mir getan bzw. mir nicht getan.“ Mt 25,40 bzw. 45 Auch Papst Franziskus greift dieses Gleichnis auf, wenn er schreibt: „Jesus … identifiziert sich speziell mit dem Geringsten. vgl. Mt 25,40 Das erinnert uns daran, dass wir Christen alle berufen sind, uns um die Schwächsten der Erde zu kümmern.“ EG 209 Der Papst hält es für unerlässlich, neuen Formen von Armut und Hinfälligkeit unsere Aufmerksamkeit zu widmen und dabei nennt er u.a. Obdachlose und Flüchtlinge. Wir seien „berufen, in ihnen den leidenden Christus zu erkennen und ihm nahe zu sein, auch wenn uns das augenscheinlich keine greifbaren und unmittelbaren Vorteile bringt.“ EG 210
Sehr persönlich schreibt er weiter: „Die Migranten stellen für mich eine besondere Herausforderung dar, weil ich Hirte einer Kirche ohne Grenzen bin, die sich als Mutter aller fühlt. Darum rufe ich die Länder zu einer großherzigen Öffnung auf … Wie schön sind die Städte, die die anderen mit ihrer Verschiedenheit eingliedern und aus dieser Integration einen Entwicklungsfaktor machen! Wie schön sind die Städte, die … reich sind an Räumen, die verbinden, in Beziehung setzen und die Anerkennung des anderen begünstigen.“ EG  210 Sind wir bereit, Fremden Heimat zu geben und sie wie Christus als Schwestern und Brüder unseres gemeinsamen Vaters zu lieben?


Fürbitten

Gott hört die Schreie derer, die am Rande stehen und kommt ihnen zu Hilfe. Wir wollen ihn bitten:

• Für die Flüchtlinge, Heimatlosen und Migranten, dass sie bei uns Verständnis, Aufnahme und Solidarität erfahren:

A: Wir bitten dich, erhöre uns.

• Für die Verantwortlichen in unserer Gesellschaft, dass sie mit Hilfe deines Geistes wirksame Wege finden, um das Flüchtlingsproblem zu lösen:

A: Wir bitten dich, erhöre uns.

• Für die christlichen Gemeinden, dass sie erkennen, wie sie im Bereich ihrer Möglichkeiten Fremden Heimat bieten, sie aufnehmen und unterstützen können:

A: Wir bitten dich, erhöre uns.


Gebet

Herr, unser Gott und Vater aller Menschen, auch an uns richtet dein Sohn heute das Wort: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Lass nicht  zu, dass wir uns dem Elend der Fremden verschließen. Darum bitten wir dich durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.


Gedanke für den Tag

„Ich war fremd und  obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen.“ Mt 25,35

 

taube2