7. Tag (2016)

Barmherzig handeln

Impuls

Was für Gegensätze sind hier in der achten Strophe der Pfingstsequenz aufgezeichnet: Auf der einen Seite ist die Beweglichkeit des Lebendigen zu spüren, auf der anderen Seite tritt einem die Starre des Todes entgegen. Es gibt Menschen, deren Leben schon sehr früh von diesen Gegensätzen einseitig gezeichnet ist: junge Menschen, die kaum die Wärme echter Liebe erfahren, weil sie in eine kalte und harte Welt hineingeboren werden, in der jeder brutal um sein Überleben kämpft . Menschen, in denen schon früh alle Menschlichkeit erstarrt, weil sie geschlagen, missbraucht, zu verbrecherischen Handlungen gezwungen werden. Menschen, die auf der schiefen Bahn sind, bevor sie selbst haben darüber nachdenken, geschweige denn, sich irgendwie für ihr Leben haben selbst entscheiden  können. Schnell ist das Urteil der Welt über sie gefällt: Sie haben den Weg verfehlt. – Doch welche Chance hätten sie gehabt?

Es braucht mehr als das Urteil der Welt. Es braucht Menschen, die in solche Erstarrung der Menschlichkeit wieder ein wenig von der Wärme, von der Zuneigung und der Orientierungskraft der Liebe hineintragen. Zum Beispiel jemanden wie die Ordensschwester im Osten Berlins, die sich zusammen mit weiteren Ordensleuten mitten in den großen Wüsten der Plattenbauten Marzahns leidenschaftlich um Jugendliche kümmert, die die „Welt“ längst abgeschrieben hat – nämlich ihr familiäres Umfeld, die Schule, der Arbeitsmarkt usw. Das sind junge Menschen, an die keiner mehr glaubt – außer dieser Schwester und ihren Mitstreitern.

Es erfordert eine unglaubliche Beweglichkeit von Geist, Herz und körperlichem Einsatz, in das von Verwundungen und Verstörungen geprägte Leben dieser jungen Menschen etwas zu bringen, das ihnen Wert und Würde gibt – damit die Schönheit des menschlichen Angesichts der Jugendlichen aufleuchten kann. Wo das gelingt, da wird das Wirken des Heiligen Geistes unmittelbar sichtbar und die göttliche Barmherzigkeit erfahrbar.

Was ist Barmherzigkeit? Keine von oben herab geschehende milde Herablassung. Barmherzigkeit beginnt dort, wo wir die steinigen, hindernisreichen und mühsamen Wege der Menschen so mitgehen, dass selbst mitten in tödlichen Wüsten die Kraft der Liebe aufleuchtet, die sagt: Ich lasse dich niemals allein, wohin du dich auch verirren magst. Ich glaube an dich, auch wenn du alle Hoffnung und vielleicht sogar alle Achtung vor dir selbst verloren hast. Ich liebe dein Leben, auch wenn du voller Verzweiflung bist. Barmherzig handeln wir also, wenn wir unseren Mitmenschen zur Seite stehen, weil wir in jedem einzelnen unseren Heiland und Erlöser, unseren Herrn und Gott wiedererkennen, der für uns die Sünde getragen hat und in den Augen der Welt zum Verbrecher, zum Letzten und Geringsten, zum Ohnmächtigen am Kreuz geworden ist.


Schrifttext (Mt 25, 34b-36.40b)

[Der Menschensohn wird sagen:] Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.


Fürbitten

Jesus fordert uns auf, barmherzig wie der himmlische Vater zu sein. Darum lasst uns beten:

Stärke alle, die sich für junge Menschen einsetzen.

Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu. (GL 645.3)

Lass die Jugendlichen erfahren, dass es immer eine Chance auf Veränderung gibt.

Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu.

Bewege die Menschen zur Umkehr, die andere ausbeuten, verletzen und verzweifeln lassen.

Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu.


Gebet

Allmächtiger Gott, du bist der barmherzige Vater, der alles wärmt und löst, was erstarrt und verhärtet ist. Gewähre uns die Gnade des Heiligen Geistes, damit wir das Feuer und die lebensspendende Kraft des Evangeliums erfahren und an unsere Mitmenschen weitergeben und sie damit entzünden können. Darum bitten wir, durch Jesus Christus, unseren Herrn.

Amen.


Persönliches Zeugnis

Facundo Salvatierra, 35 Jahre, aus Argentinien

„Es ist schwer den Moment zu beschreiben, ab dem Gott in meinem Leben anwesend war.

Ich habe schon immer seine Anwesenheit gespürt; ich lebte von ihr und ich erlebte sie. Als ich älter wurde, spürte ich diese Anwesenheit immer stärker, sie wurde immer realer und nahm andere Gesichter und Namen an. Ich spürte sie durch Ereignisse und durch Menschen – durch Apostel, Erfahrungen des Leidens und der Freude.

Ich kann diese Anwesenheit nur als barmherzig bezeichnen. Barmherzig, wie der Vater, der den verlorenen Sohn umarmt. Diese Barmherzigkeit verursacht, dass ich mich tagtäglich bekehre, zu Ihm zurückkehre, mich ganz zu Ihm hinwende.

Denn Er ist mein Fels, mein Halt, meine Befreiung. Denn alles vermag ich durch Ihn, der mir Kraft gibt.“