2. Tag (2014)

Mauern überwinden

 

Schrifttext (Psalm 18,28-30)

Dem bedrückten Volk bringst du Heil, doch die Blicke der Stolzen zwingst du nieder. Du, Herr, lässt meine Leuchte erstrahlen, mein Gott macht meine Finsternis hell. Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern.


Meditation

Novene 2014, Tag 2Die äußere Mauer ist gefallen, doch nach wie vor gibt es Mauern in den Köpfen vieler Menschen. Die Mentalitätsunterschiede und Vorurteile zwischen Ost und West sind weiterhin beträchtlich, und es gelingt nicht immer, sich wirklich zu verstehen. Für viele im ehemals sozialistischen Teil Deutschlands wie auch in anderen mittel- und osteuropäischen Ländern erscheint die errungene Freiheit „grauer als der Traum von ihr“. Fast alles ist komplizierter geworden. Das Leben in einer freiheitlichen Gesellschaft birgt viele Risiken in sich, ist anstrengend und erfordert immer wieder Verantwortungsbereitschaft, Mut und Elan. Da wird kaum jemandem etwas in den Schoß gelegt. Deshalb sind viele Menschen in Gefahr, der angeblich heilen Welt in der DDR bzw. der kommunistischen Zeit nachzutrauern. Die Mauer, deren Fall so viel Jubel ausgelöst hatte, gab auch Sicherheit.

Doch Mauern – die realen oder die in den Köpfen und Herzen – lösen keine Probleme. Sie verbauen vielmehr die Zukunft. Sie trennen Menschen voneinander: im gesellschaftlichen Zusammenleben wie auch in unseren persönlichen Beziehungen untereinander.

Machen wir uns deshalb bewusst, wo wir selbst dazu beigetragen haben, dass Mauern gebaut wurden: in der Familie, im Leben der Gemeinde, am Arbeitsplatz. Lassen wir uns dann von Gott dazu ermutigen, den ersten Schritt über die Mauer zu tun. Und versuchen wir, Brücken zueinander zu bauen, anstatt neue Mauern zu errichten.


Fürbitten

Herr, unser Gott, du hilfst uns, Mauern zu überwinden. Zu dir wenden wir uns mit unseren Bitten:

• Wir bitten für Menschen, die der Vergangenheit nachtrauern: um Offenheit für all das Gute, das ihnen heute geschenkt wird. – Herr, erbarme dich.

A: Herr, erbarme dich.

• Wir bitten für Eltern und Kinder, die zerstritten sind und sich aus dem Weg gehen: um Mut, den ersten Schritt zur Versöhnung zu wagen. – Herr, erbarme dich.

A: Herr, erbarme dich.

• Wir bitten für uns selbst: um Wachsamkeit dafür, wo wir uns von Vorurteilen bestimmen lassen, und um die Kraft, diese zu überwinden. – Herr, erbarme dich.

A: Herr, erbarme dich.

Gott, unser Vater, immer wieder neigen wir dazu, trennende Mauern zwischen uns Menschen zu errichten. Wir danken dir für die Kraft deines Geistes, mit der wir Mauern überspringen und Brücken zueinander bauen können. Dir sei Ruhm und Ehre jetzt und in Ewigkeit. Amen.


Gebet

Komm,
Sturmwind des Geistes,
zerbrich die selbstgemachten Häuser,
die uns doch nicht bergen können.
Führ uns hinaus aus unsren Kerkern,
beheimate uns
im ewigen Haus!

Komm,
Sturmwind des Geistes,
bring zum Erlöschen die künstlichen Lichter,
die uns erblinden ließen für das wahre Licht.
Gib uns
den klaren Blick!

Komm,
Sturmwind des Geistes,
überflute die Dämme,
mit denen wir uns abgesichert haben
gegen den Einbruch des Himmels.
Befreie uns
aus unsren Wüsten!

Sabine Naegeli