Vorwort (2014)

von Bischof Dr. Gerhard Feige, den Renovabis als Autor der diesjährigen Novene gewinnen konnte:

Bischof Dr. Gerhard Feige (Foto: Daniela Schulz)

25 Jahre ist es schon wieder her, seit die innerdeutsche Mauer fiel und die totalitären kommunistischen Systeme in Mittel- und Osteuropa zusammengebrochen sind. Auch wenn sich viele schon lange nach einer freiheitlichen Gesellschaft gesehnt und dafür eingesetzt hatten, kam eine solche Wende für die meisten doch überraschend. Voller Staunen trugen manche Christen in jenen Tagen Psalm 126 auf den Lippen: „… Da sagte man unter den andern Völkern: ‚Der Herr hat an ihnen Großes getan.’“ Ja, Gott hat uns in die Freiheit geführt. Nach wie vor gilt es, ihm von Herzen dafür zu danken. Dank gilt aber auch all jenen, die mit dazu beigetragen haben, dass Unrechtssysteme gewaltlos zu Fall kamen, dass die Einheit Deutschlands wiederhergestellt werden konnte und Europa heute versöhnter denn je in Erscheinung tritt. Ich denke dabei besonders an die mutigen Bürgerrechtler und die friedlichen Demonstranten, aber ebenso an etliche Kirchenführer und Staatsmänner, die prophetisch und entschieden gehandelt haben. Neben dem revolutionären Elan der Ostdeutschen und dem solidarischen Beistand der Westdeutschen ist aber auch nicht zu vergessen: Ohne die schon viel länger andauernden Befreiungsbewegungen in Polen, in der Tschechoslowakei und in Ungarn wäre es wohl auch bei uns nicht zu einer solchen Entwicklung gekommen. Von großem Einfluss auf diese Vorgänge war zweifellos auch Papst Johannes Paul II., der aus seiner Kritik am Kommunismus kein Hehl machte und seinen polnischen Landsleuten geistig den Rücken stärkte.

25 Jahre nach der politischen Wende von 1989 zeigt sich allerdings auch, dass die errungene Freiheit für viele Menschen „grauer als der Traum von ihr“ erscheint. Es gibt zweifellos zahllose Gewinner; doch ebenso viele sind durch die gesellschaftlichen Umbrüche zu Verlierern geworden. Breite Schichten der Bevölkerung in Mittel- und Osteuropa leben in Armut, ein Mangel an sozialer Gerechtigkeit ist zu beklagen. Noch nicht jedem und jeder ist wirklich bewusst, dass Demokratie ein kostbares, aber auch gefährdetes Gut ist. Nach wie vor gibt es Mauern in den Köpfen und Herzen der Menschen. Wir Christen sind deshalb in besonderer Weise dazu aufgerufen, die Freiheit, zu der wir befreit wurden, mitzugestalten. Freiheit im tiefsten Sinne bedeutet für uns als glaubende und getaufte Menschen mehr als die Befreiung von äußeren Zwängen. Wir glauben, dass wir von der Sünde, vom Gesetz und vom Tod befreit sind. In Christus sind wir deshalb zu einer neuen Schöpfung geworden und sollen als neue Menschen in dieser Welt leben.

Die diesjährige Pfingstnovene möchte dazu einladen. Als neue Menschen zu leben, heißt dankbar zu sein; dankbar für die errungene Freiheit, dankbar dafür, mit Gott die inneren und äußeren Mauern überwinden zu können. Als neue Menschen zu leben, bedeutet auch, dass wir einander stützen und tragen, vor allem dann, wenn wir in Bedrängnis geraten. Als neue Menschen zu leben, fordert uns dazu heraus, solidarisch zu sein und unsere Botschaft mit allen Menschen zu teilen, wer immer sie sind; wir sind dazu gerufen, sie mit dem Geheimnis Gottes in Berührung zu bringen, indem wir einen Dialog des Lebens mit ihnen führen. Barmherzigkeit muss der Grundton dieser Begegnung sein, wenn sie gelingen soll. Glaubwürdig werden wir aber auch nur dann sein, wenn wir die Spaltungen überwinden, die uns als Christen voneinander trennen, wenn wir dem Pfingstgeist Raum geben, der uns fähig macht, die anderen zu verstehen und in fremden Sprachen zu reden.

Als neue Menschen zu leben, ist und bleibt unsere ureigene Berufung als Christen. In dieser Haltung stehen wir für Werte ein, die für ein Leben in Freiheit unabdingbar sind: die unbedingte Achtung der Würde jedes Menschen vom Embryo bis zum Sterbenden, Wahrheit und Gerechtigkeit, Verantwortung und Solidarität, der Schutz der Familie und die Besinnung auf das Gemeinwohl, ja auch Barmherzigkeit und Liebe. Dies in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs um Europa einzubringen, ist unsere Aufgabe. Die christlichen Werte sind vielleicht das Aktuellste, was wir überhaupt einbringen können. Auf jeden Fall sind sie aber das, was absolut notwendig ist für unsere Zukunft.